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Wieso es eine ganz schlechte Idee ist, für die Schule den Sport zu canceln

WER SICH BEWEGT, BEWEGT AUCH SEIN GEHIRN – WORKSHOP IN DER TV48 AKADEMIE

Christian Rechholz referiert zum Thema Bewegtes Lernen - Wie Sport Gehirn und Intelligenz fördert.

Jeder Kinder- und Jugendtrainer kennt dieses Phänomen: Das Übertrittszeugnis steht vor der Tür oder das Abi an. Und die Trainingsbeteiligung sinkt rapide. Auch bei schlechten Noten in der Schule bleiben einige Kinder dann dem Training fern. Vermutlich nicht ganz freiwillig.

Auf der Suche nach einem zusätzlichen Zeitbudget für das Lernen, denken viele Eltern, wir können doch mit dem Sport aussetzen. Andere sehen vielleicht, den Sport als Belohnung zu erlauben, als Motivationsschub, wenn man mehr gelernt hat.

Warum dies alles keine gute Idee ist, darum ging es im Workshop „Bewegtes Lernen - Wie Sport Gehirn und Intelligenz fördert“ an unserer TV48 Akademie. Wie der Titel schon verrät: Bewegung und Intelligenz hängen nämlich ganz eng zusammen. Oder wie es der Referent Christian Rechholz auf den Punkt brachte: Es war keine sehr gute Idee, in den Schulen Stühle einzuführen. Wer also den Sport streicht, in der Hoffnung, dadurch würden die Schulleistungen besser, der handelt letztendlich kontraproduktiv. Mit die wichtigsten Fächer in der Schule für die Gehirnentwicklung sind die kreativen Fächer, die aber zu kurz kommen, und eben Sport. Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Intelligenz sowie Lernerfolg ist wissenschaftlich nachgewiesen.

Unsere Kinder bewegen sich nicht zu viel, sondern viel zu wenig, wozu auch die Smartphones, Streaming-Dienste, Spielkonsolen und Tablets beitragen. Bringt das Kind schlechte Noten heim, dann sollte es sich nicht noch weniger, sondern im Gegenteil mehr bewegen. Das gilt übrigens genauso im Alter, wer möglichst lange fit bleiben will, sollte sich bewegen, geistig und körperlich. Macht man nur eines davon, ist dies nicht so erfolgsversprechend wie beides zu tun. Das hatte schon vor Jahrzehnten der Erlanger Gerontopsychologe Professor Wolf Dieter Oswald erforscht.

Lerncoach Christian Rechholz unternahm im Workshop auch einen Sprung in die Geschichte. Was haben das Gym und das Gymnasium gemeinsam? Sie beiden gehen auf das griechische Gymnasion zurück, was wörtlich Nacktstätte bedeutet. Hier wurde nämlich (nackt) Sport betrieben und später begann man, dort auch zu lernen, in Bewegung! Die antiken Philosophenschulen unterrichteten in keinen Hörsälen, sondern in Säulenhallen, man wandelte und diskutierte. Die Mönche taten es ihnen gleich, in den Kreuzgängen. Sitzungen wären wesentlich produktiver, gesünder und kürzer, wenn man daraus Stehungen oder Gehungen machen würde. Selbst beim Telefonieren soll man am besten herumlaufen, dann kommen einem die besseren Gedanken. Wir haben dann Bewegung und Lernen künstlich getrennt – das war nicht so klug. Wie sich Bewegung auf das Gehirn auswirkt, das konnten die Teilnehmer auch selbst mit kleinen Übungen ausprobieren. Und so fand Lernen schon immer statt. Kinder lernen freiwillig und gerne, bis sie in die Schule kommen. Das Gehirn hat, dader Mensch sehr unfertig auf die Welt kommt, vor allem eine Software laufen und die lautet: lernen, lernen, lernen. Und es belohnt einen für Lernerfolg mit Dopamin. Umso anstrengender, umso größer die Belohnung. Keiner braucht ein Kleinkind zu motivieren, Krabbeln, Sprechen oder Gehen zu lernen. Das macht das Kind schon ganz allein, mit hoher Frustrationstoleranz, mit Durchhaltevermögen, mit „try and error“, durch Zuschauen und Nachahmen. Aber ohne Stundenplan, vorgegebenen Stoff oder Frontalunterricht durch die Eltern. Und die Kinder haben noch keine Angst vor Fehlern, denn Fehler sind die besten Lehrer.

Auch mit dem Wischen durch unzählige TikTok-Videos kann man übrigens Dopamin ausschütten, ganz ohne Anstrengung, aber dafür mit hohem Suchtfaktor. Streichen wir den Sport, um mehr Zeit zum Lernen zu haben, ist dies ein Trugschluss. Noch besser: Die Kinder brauchen gar nicht mehr Zeit zum Lernen, sie müssen nur das Lernen wieder lernen, anstatt ihr Gehirn durch dutzendfaches Durchlesen des Stoffes zu langweilen. Das ist kein Lernen. Das ist ein Ermüdungsprogramm für die Grauen Zellen. Damit beleidigt man sein Gehirn.

Wer richtig lernt, lernt mit Spaß und in kürzerer Zeit, vor allem aber auch nachhaltig und mit größerem Erfolg. Die Wahrheit lautet also: Du kannst mit weniger Zeit besser lernen und der Sport hilft Dir dabei. Es kommt darauf an, gehirngerecht zu lernen, mit Unterhaltungswert und mit Mnemotechniken zum Beispiel, mit Abwechslung – und mit Bewegung.

Was auch nicht funktioniert, den Trainingsentzug als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Stattdessen sollte man den Kindern lieber zeigen, wie man richtig lernt. Dann kommt auch die Motivation zurück. Und im übrigen ist auch Druck ein ganz schlechter Ratgeber.

Man kann sogar am Vorabend einer wichtigen Prüfung Sport treiben. Denn das macht zusätzlich den Kopf frei. Man kennt den Effekt: Wenn man intensiv an etwas denkt, dann will es einem manchmal einfach nicht einfallen. Aber auf der Toilette, beim Essen oder buchstäblich im Schlaf schon. Daher ist Sport vor einer Prüfung kein Fehler. Voraussetzung ist freilich, dass man nicht am Vorabend erst anfängt, überhaupt zu lernen. Sondern indem man sich einen Lernplan erstellt und mit den richtigen Methoden lernt. Und übrigens auch, indem man 20 Minuten nach der Lerneinheit das Smartphone nicht benutzt, denn dann löscht man quasi wieder einen Großteil des Gelernten und dann wäre alles umsonst gewesen. Viel besser: danach rausgehen und sich bewegen und dann rechtzeitig ins Bett, denn man lernt tatsächlich zu einem wesentlichen Teil auch im Schlaf.