Turnverein 1848 Erlangen e.V.
Dem Sport verbunden.

- 26.06.2026
- Von: Johannes Baßfeld
Die Rechnung ist „einfach“: 22 Abteilungen, 3 Ehrenämter (Abteilungsleiter, Kassenwart, Jugendleiter), 3 Stunden pro Woche, 15 EUR , 50 Wochen im Jahr = 148.500 EUR
Damit wäre das Thema eigentlich schon erledigt. Knapp 150.000 EUR on top sind nicht bezahlbar. Aber die Realität sieht anders aus, und zwar deutlich komplexer.
Nehmen wir einen typischen Freitagabend als Beispiel und werfen einen Blick in die Sporthalle. Während viele ins Wochenende starten, stehen bei uns Trainerinnen und Trainer in der Halle, bauen Geräte auf, begrüßen Kinder, organisieren Trainingsgruppen und schenken ihre Zeit dem Verein. Gleichzeitig werden im Hintergrund Wettkämpfe vorbereitet, E-Mails beantwortet, Spieltage organisiert oder Kuchen für das nächste Turnier gebacken. Viele dieser Dinge wirken selbstverständlich. Doch sie sind es nicht.
Unser Verein lebt vom Ehrenamt. Und genau deshalb ist es „unbezahlbar“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei meinen wir mit „unbezahlbar“ gleich zwei Dinge: Zum einen ist ehrenamtliches Engagement von unschätzbarem Wert. Zum anderen könnten wir es tatsächlich nicht bezahlen.
Denn Ehrenamt bedeutet weit mehr als eine Tätigkeit. Es bedeutet Verantwortung, Gemeinschaft und Identifikation mit unserem Verein. Menschen investieren Zeit, Energie und Herzblut – nicht, weil sie dafür bezahlt werden, sondern weil sie etwas mitgestalten wollen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Ein Verein ist mehr als ein Sportanbieter
Während der Turnverein in seinen Fachbereichen wirtschaftlich handeln muss und durchaus als Dienstleister betrachtet werden darf, gerät manchmal in Vergessenheit, was ein Verein eigentlich ist.
Eine Vereinsmitgliedschaft ist keine Kundenbeziehung. Der Mitgliedsbeitrag ist kein Eintrittspreis für ein Sportangebot. Wer Mitglied in einem Verein wird, entscheidet sich bewusst dafür, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Man unterstützt gemeinsame Werte, gemeinsame Ziele und den satzungsgemäßen Zweck des Vereins. Es geht nicht nur darum, Sport zu konsumieren. Es geht darum, gemeinsam etwas zu ermöglichen.
Ein Verein lebt davon, dass Menschen mitdenken, mithelfen und Verantwortung übernehmen. Manche sichtbar auf dem Spielfeld oder in der Halle. Andere im Hintergrund – in Sitzungen, bei Organisation, Verwaltung, Veranstaltungen oder Fahrdiensten. All diese Aufgaben tragen dazu bei, dass Vereinsleben überhaupt stattfinden kann.
Warum man Ehrenamt nicht einfach „bezahlen“ kann
Immer wieder entsteht die Frage, warum ehrenamtliche Tätigkeiten nicht stärker finanziell vergütet werden. Die Antwort darauf ist komplex und sie betrifft nicht nur unsere finanziellen Möglichkeiten, sondern auch Verantwortung, Fairness und rechtliche Rahmenbedingungen.
Als Vorstand tragen wir Verantwortung für den gesamten Verein und sind dabei an unsere Satzung sowie an die gesetzlichen Vorgaben des Vereinsrechts gebunden. Diese Regeln dienen nicht dazu, Engagement auszubremsen, sondern um Transparenz, Gleichbehandlung und Verlässlichkeit sicherzustellen.
Unser Verein lebt davon, dass viele Menschen auf unterschiedlichste Weise Verantwortung übernehmen. Genau darin liegt aber auch die Schwierigkeit: Ehrenamt lässt sich nicht objektiv bewerten oder gerecht gegeneinander aufrechnen.
Wo beginnt eine vergütete Tätigkeit – und wo endet sie?
- Beim Abteilungsleiter?
- Bei der Stellvertretung?
- Beim Trainer?
- Beim Kampfgericht?
- Bei den Helferinnen und Helfern eines Wettkampfs?
- Bei Eltern, die Kuchen verkaufen oder Fahrdienste übernehmen?
All diese Beiträge sind Teil des Vereinslebens. Manche sichtbar, manche im Hintergrund. Aber ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Sobald man beginnt, einzelne ehrenamtliche Tätigkeiten finanziell zu bewerten, entstehen automatisch neue Fragen nach Vergleichbarkeit, Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. Warum bekommt die eine Aufgabe eine Entschädigung – die andere aber nicht? Welche Tätigkeit ist „mehr wert“? Wer entscheidet darüber?
Als Vorstand müssen wir deshalb den Verein immer als Ganzes betrachten und nicht einzelne Aufgaben isoliert. Hinzu kommt: Selbst, wenn wir als Verein das Ehrenamt finanziell honorieren wollten, die rechtlichen Möglichkeiten sind überschaubar. Zu schnell kommt man vom Ehrenamt in eine abgabenpflichtige Anstellung. Würde man die Vielzahl ehrenamtlicher Tätigkeiten dauerhaft vergüten, hätte das erhebliche finanzielle Auswirkungen auf den Verein.
Mitgliedsbeiträge müssten deutlich steigen oder Angebote eingeschränkt werden. Das würde langfristig genau das gefährden, was unseren Verein ausmacht: bezahlbaren Sport und gemeinschaftliches Vereinsleben für viele Menschen. Das Ehrenamt ist nicht unbezahlbar, weil wir seinen Wert kleinreden wollen – sondern weil sein tatsächlicher Wert weit über das hinausgeht, was wir als Verein finanziell leisten können.
Zwischen Gemeinschaft und Konsumdenken
Gleichzeitig erleben wir – wie viele Vereine in Deutschland – einen gesellschaftlichen Wandel. Die Erwartungen an Vereine verändern sich. Sportangebote werden zunehmend mit klassischen Dienstleistungen verglichen. Mitgliedschaften werden häufiger aus der Perspektive betrachtet: „Was bekomme ich für meinen Beitrag?“ oder „Welche Gegenleistung erhalte ich dafür?“
Dieses Denken ist in vielen Bereichen unseres Alltags verständlich und nachvollziehbar. Doch ein Verein funktioniert anders als ein kommerzieller Anbieter. Ein Verein lebt nicht davon, dass Leistungen eingekauft werden. Er lebt davon, dass Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und bereit sind, sich für eine Gemeinschaft einzubringen.
Gerade deshalb stehen wir als Vorstand gemeinsam mit unseren Abteilungen immer wieder vor der Herausforderung, Erwartungen zu moderieren und gleichzeitig Menschen für das Ehrenamt zu begeistern und zu motivieren. Denn ehrenamtliches Engagement entsteht nicht von selbst. Es braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen.
Doch genau das wird zunehmend schwieriger. Während die Erwartungen an Angebote, Organisation und Qualität steigen, sinkt gleichzeitig oft die Bereitschaft, selbst mit anzupacken oder dauerhaft Verantwortung zu übernehmen.
Wenn jedoch für jeden ehrenamtlichen Handgriff automatisch eine Gegenleistung erwartet wird, verändert sich langfristig das Fundament eines Vereins. Dann wird aus Gemeinschaft schrittweise Konsum.
Unser Ziel ist deshalb nicht, Engagement gegeneinander aufzurechnen, sondern eine Kultur zu bewahren, in der Menschen sich freiwillig einbringen – aus Überzeugung, Verbundenheit und Gemeinschaftssinn. Denn genau das macht einen Verein am Ende aus.
Mehr als Zeit schenken
Ehrenamt bedeutet nicht nur, Zeit zu investieren. Es bedeutet, Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu geben, Gemeinschaft zu schaffen, Menschen zusammenzubringen, Verantwortung zu übernehmen, Werte vorzuleben. Es bedeutet, dass ein Verein mehr bleibt als eine Organisation mit Sportangeboten.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke eines Vereins: dass Menschen freiwillig etwas für andere tun. Nicht, weil es sich finanziell lohnt, sondern weil Gemeinschaft, Zusammenhalt und Engagement eben nicht in Geld messbar sind. Oder anders gesagt: Ehrenamt ist unbezahlbar. Im besten und im wörtlichen Sinne.
Im Jahr 2019 engagieren sich 28,8 Millionen Menschen freiwillig – das sind 39,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland.
(Quelle: Freiwilliges Engagement in Deutschland/ Zentrale Ergebnisse des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2019))
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