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Über den Spielfeldrand hinaus

GEMEINSAM STÄRKER – WIE FUSSBALL VON LEICHTATHLETIK, RUGBY & CO PROFITIERT

Ja, man kann sich Scheuklappen aufsetzen und in so einem großen und breit aufgestellten Verein wie unserem nur seinen Sport sehen und alle anderen Abteilungen als störend oder überflüssig. Man kann aber auch die Chance erkennen und sie ergreifen und mit seiner Sportart und seiner Abteilung von dieser Vielfalt profitieren.  

Darum geht es heute, denn wir haben uns für die zweite Variante entschieden, also über den berühmten Tellerrand zu blicken, beziehungsweise nur über den Spielfeldrand in unserem Kosbacher Stadion. Rund um den Fußball-Platz trainieren Triathleten und Leichtathleten. Und ja, da muss man ab und an aufeinander Rücksicht nehmen. Oder man spricht miteinander. Denn, was vielen Fußballern so nicht klar ist, woran sie Trainer auch immer wieder erinnern müssen: Fußball ist (auch) ein Laufsport. Da geht es häufig um Reaktionsschnelligkeit und den schnellen Antritt sowie die ersten Meter. Genau das, was man in der Leichtathletik-Abteilung von Grund auf trainiert. Gleichzeitig ist Fußball aber auch eine Ausdauer-Sportart, über die 90 Minuten plus Nachspielzeit. Oder fachlich ausgedrückt: Fußball ist eine intermittierende Ausdauersportart mit sehr hohem Sprint- und Beschleunigungsanteil.  

Genau dafür sind die Trainer von Triathlon und Leichtathletik Experten. Wieso also nicht auf deren Expertise zurückgreifen? Gesagt, getan: Marc Poncette, Abteilungsleiter der Leichtathleten, hat sich sofort bereit erklärt, Sprint-Trainings für Fußballer anzubieten, nicht zuletzt war er selbst in seiner Jugend ein Fußballer. Mit der Damenmannschaft haben wir dieses Angebot schon dankend angenommen und mittlerweile zwei Einheiten absolviert, weitere werden folgen.  

Mit Rugby haben wir eine Sportart im Verein, die in Deutschland recht selten ist, aber auch eine gemeinsame Geschichte mit dem Fußball hat. Aus dem englischen Mob-Football haben sich die beiden Sportarten entwickelt.  

Die Trennungsfragen waren, ob man den Ball in die Hand nehmen darf und wie viel Körperkontakt erlaubt ist. Auch manche Regeln sind nach wie vor ähnlich, es gibt Einwürfe, Freistöße und Abseits, beim Rugby noch nicht so aufgeweicht, wie mittlerweile im Fußball. Abseits macht das Spiel taktischer. Schon bevor ich zum TV 48 kam, habe ich Pete Hull für meine damaligen Mannschaften für Rugby-Einheiten gebucht. Wir haben dabei nicht nur sehr viel gelernt, sondern hatten auch jede Menge Spaß.  

Fußballer können vom Rugby so einiges lernen, etwa, wie man den Ball abschirmt, Körperspannung hält, die richtige Position im Zweikampf einnimmt und Stabilität aus Hüfte und Rumpf entwickelt. Letzteres ist ohnehin eine Schwachstelle bei vielen Fußballern. Weshalb auch das Core-Training zunehmend an Beliebtheit gewinnt. So verpflichtete Jürgen Klinsmann den US-Amerikaner Mark Verstegen für die deutsche Nationalmannschaft, um die funktionelle Athletik im Training zu starten. Fußballer sind spezialisierte Sportler, doch im ausschließlichen Fußball-Training kommen viele Aspekte zu kurz, die Gesamtathletik leidet. Dazu gehören etwa Mobilität und Krafttraining, viele Fußballer haben verkürzte Hüftbeuger, mangelnde Rumpfstabilität und eine eingeschränkte Sprunggelenksbeweglichkeit.  

Wir brauchen dafür aber keinen Mark Verstegen, wir haben die Sportarten und Trainer im eigenen Verein. Sportartübergreifendes Training bringt alle weiter und hilft auch in der Verletzungsprophylaxe. Im Sommer wird daher auch Kim Sittl entsprechende Einheiten zu Aufwärmen, Stabilität und Umgang mit Sportverletzungen anbieten. Bislang können die Fußballer Einheiten zu Sprint/Sprung, Rugby, Baseball (dank Vorstand Johannes Baßfeld, gut für die Hand-Augen-Koordination) Mental- und kognitives Training buchen. Eine Anfrage bei Judo läuft auch, Basketball kommt als nächstes. Was bitte sollen Fußballer da lernen? Na zum Beispiel Ganzkörperkraft, Propriozeption, Gleichgewicht oder Sprungkraft und Landetechniken, Reaktionsfähigkeit auf engstem Raum und so weiter. Zudem, das wird jeder Trainer kennen, lässt man mal eine andere Sportart spielen, zum Beispiel Handball zum Aufwärmen, entstehen ganz viele neue Lerneffekte durch die Umstellung.  

Es lohnt sich, über den eigenen Teller- beziehungsweise Spielfeldrand zu blicken. Dazu nochmals an Klinsmann erinnert, er holte nämlich auch den früheren Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters zur Nationalmannschaft. Denn Hockey war dem Fußball in mancherlei Hinsicht voraus, was Spielsystem und Trainingsmethoden betraf. Fußball gilt, wohl zu recht, als recht strukturkonservativ, Neuerungen gegenüber ist man da oft skeptisch und setzt dann doch wieder auf den Waldlauf, wie damals vor Jahrzehnten. Aber es bringt den Sport weiter, wenn man sich hier auf Neues einlässt. Und umgekehrt, können auch andere Sportarten von einem Fußball-Training profitieren.  

Insofern nutzen wir die Potentiale, die unser Verein uns bietet. Das bringt uns alle in unserem Sport weiter, fördert das gegenseitige Interesse und Verständnis und lässt uns als Verein weiter zusammenwachsen.