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Training – eine starke Antwort auf kommende Versorgungsengpässe

IN EINEM LAND MIT SCHRUMPFENDEN RESSOURCEN WIRD TRAINING ZU EINEM MÄCHTIGEN WERKZEUG, UM FÜR DIE EIGENE
KÖRPERLICHE UND KOGNITIVE BELASTBARKEIT ZU SORGEN

In den letzten Beiträgen habe ich Sie, liebe TVler:innen, über die vielen Vorzüge des regelmäßigen Trainings informiert. Neben den persönlichen Vorteilen gibt es aber auch den Blick auf das, wovon es künftig weniger geben wird und was uns gleichzeitig neu motivieren kann!   

Gehen wir ein paar Schritte zurück und blicken auf Training aus einer Vogelperspektive: Training per se ist eingebettet in gesellschaftliche, arbeitsmarktliche und gesundheitssystemische Strukturen. Hieraus bildet sich die Umgebung, in der Training geplant, begründet und wirksam werden muss. Diese Umgebung beginnt sich gerade grundlegend zu verändern.  

Prognosen zur demografischen Entwicklung zeigen, wie viele Menschen künftig versorgt werden sollen und wie viele zu dieser Versorgung beitragen können. Mit dem Altern der Bevölkerung steigt auch der Anteil der zu versorgenden Menschen, während jedoch die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Kurz gesagt: Unser Versorgungsbedarf wird strukturell mehr, während die personelle und finanzielle Basis schmaler wird. Ganz unabhängig davon, wie gut ein Gesundheitssystem organisiert ist, wird das System sukzessive teurer. Denn künftig werden immer weniger Menschen einzahlen können und überdies fehlt es immer mehr an qualifiziertem Personal.  

Sichtbare Folgen im Gesundheitssystem   

Dieser Druck wird im Gesundheitssystem bereits heute deutlich. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Therapeut:innen sowie Mitarbeitende in Verwaltung und Organisation fehlen schon jetzt flächendeckend. Gleichzeitig erweitert der medizinische Fortschritt die therapeutischen Möglichkeiten, erhöht aber auch Komplexität und Kosten. Ein wachsender Leistungsanspruch trifft damit auf eine strukturell schrumpfende Basis. Die möglichen Folgen davon sind absehbar: steigende Ausgaben, höhere Beiträge, längere Wartezeiten, eingeschränkter Zugang und eine zunehmende Fehleranfälligkeit. Die Versorgung verschwindet dadurch nicht vollständig, aber sie erfolgt später, knapper und fragmentierter. Strukturen, wie sie in Nachbarländern längst Usus sind, werden dann auch bei uns überwiegen. Damit einher: lange Wartelisten, verschobene Eingriffe und Priorisierung statt Verfügbarkeit.

Training als persönliche Ressourcenpolitik   

In einer solchen Situation erhält die Fürsorge für den eigenen Körper eine neue Bedeutung. Nicht als moralische Forderung, sondern als pragmatische Konsequenz. Theoretisch bestehen Möglichkeiten privater Zusatzversicherungen oder medizinischer Behandlungen im Ausland. Für viele Menschen sind diese Optionen jedoch keine realistische Alternative. Gerade dort, wo der Zugang zur regulären Versorgung eingeschränkt ist, entscheidet die eigene körperliche Belastbarkeit zunehmend über Handlungsfähigkeit und Lebensqualität.   

Und hier wird Training zu einem zentralen Werkzeug  

Es gibt kein Medikament, das in der Breite eine vergleichbare Wirkung entfaltet wie regelmäßiges Training, wenn es um die Vermeidung typischer Zivilisationskrankheiten geht. Körperliche Aktivität senkt nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten, Demenz und vorzeitige Sterblichkeit. Diese Effekte zeigen sich nicht nur bei gesunden Menschen, sondern gerade auch bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen: Training reduziert Komplikationen, verkürzt Reha-Phasen und kann Pflegebedürftigkeit hinauszögern.

Aktuelle Daten zeigen zudem, dass die gesundheitliche Wirkung intensiver Belastung lange unterschätzt wurde: Kurze Phasen hoher Intensität können gesundheitlich einem mehrfachen von moderater oder leichter Aktivität entsprechen. Damit wird Training auch für Menschen mit begrenzten zeitlichen Ressourcen relevant – dies selbstverständlich nicht überlastend. Training wirkt dabei nicht nur biologisch. Es verschiebt Menschen aus einer passiven Rolle der Versorgung in eine aktive Rolle der Steuerung. Es reduziert Abhängigkeit, erhöht Selbstständigkeit, stärkt körperliche und kognitive Reserve und stabilisiert Teilhabe – gerade in einem Umfeld, in dem Versorgung nicht mehr selbstverständlich verfügbar oder vollständig finanzierbar ist.   

Individuelle Verantwortung und staatliche Pflicht   

Angesichts der bevorstehenden Änderungen wird Prävention zu einer zentralen Systemstrategie. Jede vermiedene oder verzögerte Erkrankung, jede verkürzte Reha, jede hinausgezögerte Pflegebedürftigkeit entlastet ein ohnehin überlastetes System – personell wie finanziell. Dabei darf der Staat ausdrücklich nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Investitionen in Prävention, Personalgewinnung und Systemstabilisierung bleiben zentrale politische Aufgaben. Parallel dazu gilt jedoch: Warten Sie nicht darauf, dass dies der Staat oder der Markt regelt. Die eigene körperliche und kognitive Belastbarkeit wird zu einer Schlüsselfunktion in einer Welt knapper Ressourcen – und Training ist das zentrale Werkzeug, um diese Belastbarkeit zu erhalten oder zu erweitern.   

Training ist damit eines der wenigen verfügbaren Mittel, um die Defizite eines künftig weiter unter Druck stehenden Gesundheitssystems zumindest teilweise auszugleichen. Nicht als Ersatz für medizinische Versorgung, sondern als Stabilisierung davor, dazwischen und danach. Als individuelle Ressource in einer Zeit, in der kollektive Ressourcen knapper werden.   

Die Effekte von Training entstehen nicht über Nacht. Je länger und regelmäßiger trainiert wird, desto größer sind die Vorteile. Gleichzeitig gilt: Bereits ein wenig Training ist deutlich besser als gar keines.  Jede Minute Bewegung ist daher eine lohnende Investition – in Ihre Gesundheit und Ihre Zukunft!   

Quelle: Nature Communications, Volume 16, Article number 8315, 2025: Biswas/Ahmadi/Bauman/Milton/Koemel/Stamatakis: Wearable device-based health equivalence of different physical activity intensities against mortality, cardiometabolic disease, and cancer.